Montag, 14. Mai 2012

Newsletter Mai 2012


Liebe Freunde, 

nach langer Zeit im Exil melde ich mich zurück mit meinem Bericht, und danke Euch für eure Unterstützung, Gebete und Ermutigung im letzten halben Jahr.

DER LANGE WINTER IN ESTLAND


Wie die meisten von euch wissen, war ich die letzten Monate im kalten Estland in meinem ersten MissionAcademy-Praktikum. Es war eine gesegnete Zeit, in der ich Gott und mich auf eine neue Weise kennen lernte. Zwischen den Herausforderungen einer bekannten, und doch in den letzten 20 Jahren veränderten Kultur, verschiedenen menschlichen und finanziellen und technischen Herausforderungen lernte ich, Gott in den kleinen und großen Dingen des Alltags immer bei mir zu wissen, und ihm zu vertrauen.


Dabei wollen wir nicht nach links oder rechts schauen, sondern allein auf Jesus. Er hat uns den Glauben geschenkt und wird ihn bewahren, bis wir am Ziel sind. Hebr  12,2 (HfA)

Mein Praktikum war in einer kleinen Gemeinde, bestehend hauptsächlich aus jungen Leuten. Valga ist eine estnische Stadt an der Grenze zu Lettland, und dort gibt es viele Gemeinden verschiedener Denominationen. Auch spalten sich die Gemeinden nach der Sprache, die russischsprechende Minderheit trifft sich getrennt von den Esten. Die Wirtschaftslage der Stadt ist nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erheblich stagniert, Arbeitsplätze sind verlorengegangen, ganze Werke wurden geschlossen. Die Menschen sind entweder in andere große Städte oder ins Ausland abgewandert – oder schlagen sich irgendwie durch. Dies ist auch der Hintergrund der meisten Gemeindemitglieder in der Gemeinde „Hoffnung“, in der ich ein halbes Jahr mein Zuhause hatte. Die Jugendlichen sind durch Sonntagsschule in die Gemeinde gekommen, haben ihr Leben irgendwann Jesus gegeben, und sind jetzt aktive Gemeindemitglieder.
Am Anfang habe ich mit einem aus Amerika stammenden Missionar die Jugendarbeit übernommen, sowie den Jugendlichen aus der Gemeinde und ihren Familienmitgliedern, Nachbarn und Freunden Englisch- und Deutschnachhilfe und –unterricht gegeben. Dies wurde sehr dankbar angenommen. Viele sind anschließend auf unsere Jugendstunden und andere Gemeindeveranstaltungen mitgekommen.


Sprachunterricht in den Gemeinderäumen – eine Herausforderung im Winter, praktisch ohne Heizung
Im Oktober war ein Feiertag, der Tag des Lehrers. Wir haben die Stadthalle angemietet, und für die Lehrer ein selbst geschriebenes und arrangiertes Theaterstück aufgeführt, unter dem Motto „Eine zweite Chance“. Unser Ziel war es den Lehrern zu danken, dass die den Schülern bei schlechten Ergebnissen oft eine zweite Chance geben, ihre Noten zu verbessern – so wie unser Herr im Himmel uns eine zweite Chance auf ein neues Leben gibt. Dies hat die Vorbehalte vieler Lehrer gegen die gläubigen Schüler gemindert, und die Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern verbessert. 

Ich war die Lehrerin in dem Theaterstück, die einem säumigen Schüler eine zweite Chance aufs Examen gab

Unser nächstes Projekt war es, im Kinderheim in Valga zwischen Weihnachten und Neujahr mehrere Tage eine Art Kinderfreizeit zu machen, für die Kinder. Viele von ihnen sind körperlich, geistig oder mental unterentwickelt, und es war eine Herausforderung, mit ihnen zu arbeiten, für mich vor allem wegen der Sprache. Sie sprechen alle nur Estnisch. Doch Gott hat diese Zeit wunderbar gesegnet, weil wir hierfür auch Mitschüler und Leute aus anderen Gemeinden begeistern konnten. Daraus entstand die Idee, gemeindeübergreifend im Süden Estlands Kinderheime zu besuchen, um den Kindern Nächstenliebe und die Frohe Botschaft zu bringen.

Lasst die Kinder zu mir kommen und haltet sie nicht zurück, denn für Menschen wie sie ist Gottes neue Welt bestimmt. Matth 19,14 (HfA)

Im Spätherbst bin ich eingeladen worden, in die Jugendstunde nach Tartu mitzukommen, eine Universitätsstadt, etwa 90km von Valga entfernt. Aleks, der amerikanische Missionar, hat mit Unterstützung der aus der Gemeinde „Hoffnung“ aus Valga stammenden Studenten, dort eine russischsprachiges Treffen organisiert, zu dem auch „Schon-lange-nicht-mehr-Studenten“ gekommen sind. Früher fanden diese Treffen monatlich statt, und jetzt wurden sie auf einmal in der Woche konzentriert. In diesem Bibelkreis kamen die Meinungen verschiedener Denominationen zusammen, was mir geholfen hat, Dinge neu zu sehen, oder meine Argumente zu festigen. Obwohl der feste Stamm der Teilnehmer sehr klein war, kamen doch immer um die 20 Leute zusammen, um gemeinsam unterschiedliche Themen zu diskutieren, wie Zusammenhang zw. Krankheit und geistlichem Leben, Erwählung, Musik, Berufung, Gaben etc. Diese Themen wurden zwischen die Exegesen verschiedener biblischer Bücher eingeschoben. Viele Nichtchristen kamen ebenfalls zu diesen Treffen, auch regelmäßig. Eins meiner Höhepunkte war der Besuch von Brüdern, die ehemalige Insassen des Tartuer Gefängnisses waren. Sie haben im Gefängnis ihr Leben Gott gegeben, und haben unsere Weihnachtsfeier mit ihren Zeugnissen bereichert.

Weihnachtsfeier unseres Studenten-Bibelkreises in Tartu

Bei einem Besuch der estnischen Baptistengemeinde, in deren Räumen wir uns versammelten, hat mich eine Frau angesprochen, die schon seit 9 Jahren im Tartuer Gefängnis als Freiwillige dient. Sie ist Christin, und hat durch ihr Zeugnis und ihre echte Liebe zu den Gefangenen und ihre Opferbereitschaft schon vielen geholfen, Jesus anzunehmen. Nachdem ich die Zeugnisse der ehemaligen Gefangenen gehört habe, fing ich ernsthaft an, über die Bitte dieser Frau nachzudenken, die Gefängnisgemeinde zu besuchen. Im Januar endlich ergab sich eine Gelegenheit, denn es mussten noch Durchlasspapiere für mich angefertigt werden.



Ich war nackt, ihr habt mir Kleidung gegeben. Ich war krank, und ihr habt mich besucht. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.  Matth 25,36 (HfA)

Es war einfach umwerfend für mich, die Männer dort zu sehen, gezeichnet vom Leben, aber brennend in der Liebe zu ihrem Erlöser. Einige baten mich um Brieffreundschaft, und seitdem schreibe ich einigen Brüdern in Tartu, und Gefängnisse in Russland. Für mich ist es eine Gelegenheit, meine Glaubensgrundlagen zu festigen, und den Brüdern zu dienen mit Ermutigung, Aufmerksamkeit und menschlicher Zuwendung.

Die Briefe haben eine große Menge Zeit in Anspruch genommen, denn die Antworten auf die geistlichen Fragen der Gefangenen mussten gut begründet werden. Das hat auch mir neue Einsichten vermittelt.

 EIN SONNIGER FRÜHLING IN DEUTSCHLAND

Seit Ende März bin ich nun zurück in Deutschland. Nach unserer Missionskonferenz und einer gesegneten Mitarbeitertagung, sowie einer Woche zuhause mit meiner Familie und Gemeinde bin ich wieder in Wüstenrot und nehme am Unterricht der Mission­Academy teil. Dies ist er Beginn meines zweiten Jahres der Ausbildung, und ich bin Gott dankbar, dass er mich bewahrt und getragen und versorgt hat in dieser Zeit. Wir haben herausfordernde und tiefgreifende Themen dieses Jahr. In Spiritualität lerne ich, Gott auf einer neuen Weise, einheitlich zu begegnen und die Beziehung mit ihm zu vertiefen, persönlicher zu gestalten. Im Kurs „Persönlichkeit“ lerne ich viel darüber, wie Gott mich geschaffen hat, was ich in seinem Reich einsetzen kann, und wo ich Gottes Hilfe brauche, um von der Sünde und schlechten Erfahrungen verzerrte Eigenschaften und Verhaltensmuster zu heilen. Im Kurs „Interkulturelle Kommunikation“ haben wir ganz viel darüber gelernt, wie in unserer eigenen und in fremden Kulturen unserer Einsatzländer den Menschen die Gute Nachricht überbringen können – so, dass sie sie verstehen, und ohne das Evangelium zu verändern. Nun erwarten uns noch die Kurse „Berufung“, „Leiterschaft“ und „Ethik“. Ich bin ganz gespannt, was Gott mir offenbaren wird in den kommenden Wochen.

Anfang Juni, nach Abschluss dieser Präsenzphase, gehe ich für 3 Monate nach Lettland, um dort das internationale Team von Ganchauskas bei den Kinderfreizeiten zu unterstützen. Anschließend plane ich mehrere Wochen zuhause ein, um die Arbeiten und Studien für die Kurse dieses Jahres abzuschließen.

Vielen Dank euch noch einmal für euer Mittragen dieses Dienstes, und alle Unterstützung und Ermutigung. Bitte betet für die Gruppe in Tartu, dass dort viele zum Glauben kommen, für unsere Brüder und Schwestern in Gefängnissen, für unsere Einsätze in den Gemeinden hier in Deutschland, und für mich, für Kraft und Weisheit, für Wachstum im Glauben und eine ganz enge Beziehung zu Gott.

In Liebe, Eure
Natalie  



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