Es fühlt sich ewig an, seit ich das letzte Mal hier etwas gepostet habe. Obwohl seitdem so viel passiert ist. Aber irgendwie konnte ich mich immer nicht aufraffen.
Seit drei Wochen bin ich in Wüstenrot, mit einigen Unterbrechungen am Oster- und am 1. Mai-Wochenende - zwecks Heim(-atgemeinde-)besuch. Aber der Reihe nach:
Mitte April ging meine Ausbildung zum Missionar endlich los! Wochen und Monate habe ich darauf hingefiebert, gebetet, gerungen, argumentiert, geweint und sünhsüchtig gewartet. In den Wochen vorher gab es Rückschläge durch Streitereien zwischen mir und Menschen, die mir sehr nah stehen, und diesen Weg nicht verstehen. Es ist schwer, zu wissen, dass ihre Gebete nicht meiner Unterstützung, sondern meiner Schwächung gewidmet sind. Es tut mir weh, zu wissen, dass sie unglücklich sind mit meinem Werdegang. Seit ich Christ bin, verstoße ich gegen überlieferte Standards, Interpretationen, Weltbilder, Sicherheitsanker (?), Traditionen, Glaubensfragen. Obwohl ich auch Teil der Familie bin, fühle ich mich oft wie ein schwarzes Schaf. Ich würde mich so glücklich wissen, wenn sie sich mit mir freuen würden. Stattdessen fühle ich kritische und besorgte Blicke, Unglücklichsein. Was ist richtig? Das zu tun, wovon man absolut überzeugt, obwohl man weiß, dass die Menschen, die einem am nahesten stehen, unglücklich sind? Oder alles zu verlassen, sich zu verstellen, ein Schauspiel zu liefern, nur damit diese Menschen glücklich sind? Ich kann nicht anders, ich will nicht anders, abgesehen von dieser immerwährenden Tatsache fühle ich mich absolut bestätigt. Ich glaube und hoffe, dass Gott Herzen verändern kann. Ich bette und hoffe, dass ich ein Leben führen kann, mit der Kraft Gottes, dass ihnen bestätigen wird, dass der Weg richtig ist.
Verabschiedet, als würde ich ins Gefängnis gehen, fuhr ich los, zur Missionskonferenz Richtung Süddeutschland. Den ganzen Weg war mein Herz mehr als schwer. Doch Gott tröstete mich, er gab mir Bestätigung, dass er mit mir ist. Ohne besondere Zwischenfälle am Zielort angekommen, habe ich Anschluss gesucht - und gefunden. Beim Umschauen im Saal bemerkte ich ein Ehepaar, das an einem Tisch saß, wo noch Platz war. Also fragte ich, ob ich mich dazu setzen darf. Es erwies sich als Gottes Führung. Ich bin ihm so dankbar, denn er sandte mir neue Freunde, Menschen die mich verstehen können, und dir mir das Gefühl von Willkommensein und Angenommensein gaben. Diese beiden, plus ein weiterer sind mir innerhalb weniger Stunden ans Herz gewachsen, und ich danke Gott täglich für seine Wege.
Nach der Missionskonferenz brach ich auf zur Mitarbeitertagung, die den Rest der Woche in Anspruch nehmen sollte. Es war ein Segen, Trost, und Bestätigung die anderen Missionare und ihre Familien kennenzulernen. Viele von ihnen haben viel schwerere Wege beschritten, um die Botschaft vom Evangelium weiterzugeben. Familien haben Schicksale erlitten, die noch nach Jahren weh tun. Rückschläge, vermeintlicher Stillstand in der Arbeit etc. zerren an der Motivation. Doch die Herzen brennen. Ich fühlte mich zwischen all diesen Menschen, die alle aus Liebe zu Gott in die Fremde gegangen sind, verstanden, angenommen, wie in einer Familie. Hier hatte ich auch die Möglichkeit, verschiedene Projekte kennenzulernen, Ideen zu sammeln, mich auszutauschen. Unter anderem versuchte ich auch die Missionare in den Projekten kennenzulernen, die als Kandidaten für das Praktikum besprochen wurden.
Nach der Mitarbeitertagung fuhr ich heim, um Ostern mit meiner Gemeinde zu feiern. Besonders dankbar bin ich meiner Schwester, bei der ich über Ostern wohnen durfte. Mein kleiner Neffe hat sich einverstanden erklärt, sein Zimmer mit mir zu teilen. Danke Gott für Menschen, die du immer wieder in meinen Weg stellst, die mich trösten, die mich aufnehmen. Danke für deine Fürsorge und deinen Trost! Danke dass ich mich immer auf dich verlassen kann! Danke, dass du mir nicht nach Verdienst, sondern nach Gnade vergiltst. Du bist mein Fels und meine Burg! Das Osterfest in der Gemeinde war wunderschön! Ich durfte als Maria Magdalena am Oster-Anspiel teilnehmen. Diese Frau hat Jesus aus dem Staub herausgeholt, und sie liebte ihn sehr. Ich kann mich mit ihr sehr gut identifizieren. Ich kann mir vorstellen, wie verzweifelt sie war, als Jesus starb, wie ihre Hoffnung und ihr Mut mit ihm begraben wurden. Und ich konnte ihre Freude nachvollziehen, als Jesus ihr nach seiner Auferstehung erschien. Kann man so viel Glück ertragen?
Nach den Osterfeiertagen habe ich mich im Missionshaus für mehrere Wochen einrichten dürfen, in einer Wohngemeinschaft mit anderen Studenten. In der ersten Woche lernten wir das Missionswerk, seine Strukturen und Abläufe, sowie einiges über den Aufbau eines Freundeskreises kennen. Besonders wichtig waren für mich praktische Dinge, wie man Informationen weitergibt, Freundesbriefe schreibt, und in unterschiedlichen Gemeinden auftritt. Ganz persönlich war es mir eine Bereicherung, zu erfahren, was die Bibel zum Thema Finanzen sagt.
Das folgende Wochenende vom 1. Mai durfte ich zuhause mit meiner Gemeinde verbringen. Wir hatten eine Art Abschied, zumindest für einige Wochen. Das Gemeinde-Grillfest war für mich eine Freude, denn meine Geschwister sind mir alle sehr ans Herz gewachsen. Ganz besonders beschenkte mich Gott mit der Möglichkeit, einen Jugendlichen, der mir sehr am Herzen liegt, zu Jesus zu führen. Ich war von seiner Entscheidung absolut überrascht. Das Gespräch mit ihm ergab sich, weil er fragte, und ich ihm antwortete. Plötzlich sagte er, er wolle sich bekehren. Oh Gott, dachte ich, was mache ich jetzt bloss? Ich betete mit ihm, und half ihm, die ersten Schritte zu gehen. Wieder einmal, und diesmal richtig heftig wurde mir bewußt, dass Neubekehrte geistliche Führung brauchen, jemanden, der mit ihnen geht, der ihnen Grundlagen weitergibt, der sie an der Hand nimmt, sie auffängt, wenn sie Rückschläge erleiden. Dieses brennt mir sehr auf dem Herzen, ich spüre es körperlich. Wie verloren kommt man sich oft vorkommt, wie verzweifelt man ist, wenn der erste bewußt wahrgenommene Fehler das erste, das zweite, das dritte Mal kommt. Man stellt alles in Frage. Doch ich darf mir sicher sein, ich bin ein Kind Gottes, er hält mich in seiner Hand. Ich will nicht falsche Dinge tun, doch bin ich schwach. Das wird so bleiben, wenn ich eins überwunden haben werde, wird das nächste anklopfen. Doch ich weiß, dass Jesus weiß, wie sehr ich ihn liebe, und wie sehr es mir leid tut. Ich weiß, dass er mich nie mehr aus seiner Hand lassen wird. Ich wünschte, jemand hätte die Zeit und die Liebe, das anderen Jungbekehrten ebenso beizubringen. Es beschäftigt mich Tag und Nacht.
Zurück im Unterricht beschäftigten wir uns mit den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden in Scham- und Schuldkulturen. Jedes Wort der Dozentin habe ich wie ein Schwamm aufgesaugt. Ich habe große Fehler gemacht, und ich will sie nicht wiederholen. Wie oft habe ich mich erwischt, wenn sie eine Situation beschrieb. Ein weiteres Thema, "die biblische Sicht auf die Rolle von Mann und Frau" hat mir die Augen geöffnet. Dieses multikulturelle Ding wird für mich immer Herausforderung sein. Und ich bin dankbar für die Erfahrungen seit meiner Kindheit: Gemeinde, Familie, Russland, Deutschland, Russlandsdeutsche Subkultur, Haiti, konservative und moderne Gemeinden, Ehe und Scheidung, Freundschaften und Berufsleben, alles machte plötzlich Sinn. Danke Herr für alles, was du mir beibringst, dass du mich zurüstest, um ein gutes Werkzeug in deinen Händen zu sein. Danke für jeden Schmerz, für jede Erkenntnis.
In dieser und in der kommenden Woche beschäftigen wir uns mit Hermeneutik, der Lehre von der Systematik der Bibelauslegung. Ein AHA! reiht sich an das nächste. Nicht dass ich mich jetzt für schlauer oder fähiger halte. Im Gegenteil, je mehr ich lerne, um so mehr lerne ich, wie sehr ich auf den Heiligen Geist angewiesen bin, um Wahrheiten von Kultur, Gottes Weisungen von Erzählungen zu unterscheiden. Wie groß ist die Verantwortung, die auf einem lastet, wenn man sich die Freiheit herausnimmt, das Wort Gottes zu interpretieren, es nicht nur selbst umzusetzen, sondern auch andere zu lehren! Mir wird ganz flau im Magen. Wie wichtig ist eine intensive Gemeinschaft mit Gott, gewissenhaftes Studium seiner Worte und Zusammenhänge. Wie entscheidend die Liebe, in der man Menschen begegnet, insbesondere wenn sie vermeintlich "anders" sind.
Diese Woche haben wir auch darüber gesprochen, wo mein Praktikum stattfinden könnte. Je mehr ich darüber nachgedacht und gebetet habe, je mehr ich hörte, um so mehr traten andere Projekte in den Hintergrund, und um so mehr wurde der Wunsch größer, den Missionaren in Slowenien zu helfen. Nach einem gemeinsamen Auftritt von Nick Vijicic, mit Unterstützung des dortigen Baptistenbundes, haben sich 4000!!! Menschen gemeldet, die Interesse am Glauben haben, nach Jahren eines vermeintlichen Stillstandes. Wie viel ist dort zu tun?!?!?!?! Es gilt, sie abzuholen, wo sie gerade stehen. Es gilt, mit ihnen zusammen zum Kreuz zu gehen. Es gilt, ihnen beizubringen, wie Jesus ist. Stellt Euch das vor, 4000 Menschen interessieren sich für Jesus, warten auf Antworten! Stellt Euch vor, sie erfahren Vergebung, Wiedergeburt, wirklichen Lebenssinn, sie erfahren am eigenen Leib, dass Gott wirklich existiert, und dass der unendliche große Gott sich für jeden von uns in jedem Augenblick interessiert, bemüht, sorgt, sich nach uns sehnt!
Bitte betet mit mir um Konzentration, um Aufnahmefähigkeit, um Verstand und Einsicht - um seine Weisheit. Bitte betet um Kraft im Kampf gegen alte Gewohnheiten. Bitte betet um Frieden und Versöhnung. Bitte betet um seine Führung, Trost und Mut, ihm zu folgen, wohin auch immer er mich ruft. Bitte betet um Finanzen, offene Türen, Zurüstung. Bitte betet um Kraft und Weisheit bei der Vorbereitung zum Praktikum, um besonders in der Betreuung von Neubekehrten und Interessierten.
Danke Euch, für Eure Unterstützung, für Eure Gebete! Gott segne Euch!
"Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter", sagte Jesus zu seinen Jüngern. "Darum bittet den Herrn, dass er noch mehr Arbeiter aussendet, die seine Ernte einbringen." Matth. 9,37-38