Der Winter kommt! Ich hab zwar noch nicht genau herausfinden können wann, aber er kommt. Das letzte Wochenende war sehr warm, die letzte Woche auch, bis zu 20° C, ich hab schon gedacht, so schlimm kann Estland nicht sein. Aber jetzt merke ich, welche Power die Natur hier hat. Seit gestern weht ein starker Wind, der Regen klopft an die Fenster, als wären die Tropfen Steinchen, es ist so ungemütlich, die Kälte und Nässe zieht durch jede Pore bis ins Innerste. Trage jetzt Gummistiefel, gefütterte natürlich. Gott sei Dank hatte Lidl eine Woche vor der Abreise entsprechende Angebote. Die Heizung läuft, schlafe unter zwei Decken. Bin ehe so eine Frostbeule, was wird erst noch werden, wenn es kälter wird???
Heut nacht konnte ich nicht schlafen. Habe gegen 1:00 noch den Film Letters to God angeschaut, und erstmal von Herzen geheult. Es ist für mich jedesmal total bewegend zu sehen, wie Gott zu Menschen spricht, sie gebraucht, zu jedem einen Zugang findet, auch zu denen, die meinen, sie lassen Ihn niemals nah an sich heran. Das gibt mir Hoffnung, niemanden aufzugeben. Wieviel ein einzelner Junge bewegt hat, obwohl er schwer krank war, und eigentlich das Handtuch hätte werfen können!
Und weil ich von dem Film so bewegt war, hatten danach verschiedene Gedanken mich wachgehalten, was man machen kann, was ich machen könnte. Speziell hier in Valga. Eine der Nöte, die genannt wurden, ist Lehre, Predigten. Ich erinnere mich, wieviel mehr ich aus dem Wort Gottes schöpfen konnte, nachdem ich ein wenig darüber gelernt habe, es zu studieren. Unglaubliche Tiefen haben sich offenbart. Warum nicht auch hier so? Meine Idee ist hier in den Bibelstunden eine kleine Exkursion zu machen, in die Bibel. Zu lernen, wer sie geschrieben hat, wann, warum, zu wem, was bedeutet das alles heute für uns, was steht überhaupt drin, welche Authorität hat sie. Ich hab ein wenig Material aus meinen alten BSB-Tagen, sowie diverse Internetquellen, und Bücher, die mir aus Deutschland nachgeschickt wurden. Ich habe außerdem eine große Begeisterung für das Wort Gottes, auch wenn ich nicht alles verstehe. Ich möchte andere begeistern, nicht nur pflichtgemäß zu lesen, und zur Seite zu legen. Gott offenbart sich uns in seinem Wort, er spricht unsere Sprache. Er sprach die Sprache der Leute damals, und auch für uns gelten seine ewigen Wahrheiten. Das sprichwörtliche Buch mit sieben Siegeln, gibt es wirklich, aber es sollte nicht die Bibel sein. Dieses Buch wird Gott selbst öffnen, wenn er Gericht hält. Uns gab er sein Wort, damit wir es verstehen, und ihn darin erkennen. Also ist das keine unlösbare Aufgabe. Außerdem sind viele hier schon seit Jaaaahren in der Gemeinde, Gemeindeglieder. Sie sollten in der Lage sein, Gottes Wort auszulegen. Sie sollten den Mut haben, sich mit dem allergrößten Respekt daran zu machen, Gottes Willen zu erkennen. Dass keine Prediger da sind, ist schlimm. Doch kann man dem abhelfen. Es wird nicht immer möglich sein, dass Missionare aus dem Ausland in die Gemeinde kommen, und vorn stehen. Die Gemeinde ist autonom, sie hat die Kraft von Gott aus sich selbst heraus zu wachsen. Er ist ihr Zentrum, ihr Hirte. Nicht Personen, die kommen können und manchmal gehen. Nicht ihnen sollten wir unser Heil anvertrauen, nicht auf die unsere ganze Hoffnung setzen, nicht von ihnen sollte uns sonntäglich unsere geistliche Nahrung zubereitet werden. Wir sind in der Lage, oder wir sollten es als Gemeinde sein, dass jeder den Mut, die Gelegenheit und auch die Zurüstung hat, tief in das Wort Gottes hinabzutauchen. Das ist mein Traum für die Gemeinde in Valga, dass sie erwachsen wird, dass aus der Jugend junge Erwachsene im Glauben werden.
Eine andere Geschichte ist die Frauenarbeit hier. Oder vielleicht generell Erwachsenenarbeit. Alles hier, jede Ressource ist ausgelegt auf Jugendarbeit. Das ist sehr gut, die Jugend ist die Zukunft. Aber die Erwachsenen sollten nicht Vergangenheit werden deswegen. Es gibt einige hier in der Gemeinde, doch fühlen sie sich meist deplaziert. Auf der anderen Seite fehlen Vorbilder, Väter, Mütter. Es muss dringend etwas unternommen werden. Mein Ziel ist es, die Erwachsenen auch unter der Woche in die Gemeinde zu ziehen, in die Bibel- und Gebetsstunden. Mein Ziel ist es, dass sie am Sonntag vor Ungeduld strotzen, dass sie sich als eine große Familie fühlen, nach Hause kommen. Und nicht dieses Gefühl von "am Rande des Spielplatzes sitzen und die Kinder beobachten" vorherrscht. Sie alle sind ein Teil von Jesu großer globaler Gemeinde, seines Leibes. Sie alle haben Gaben, die sie zur Erbaaung und zum Wohle der Gemeinde einsetzen können. Sie alle brauchen Ermutigung, auf die Suche zu gehen, und seine Gaben zu entdecken, zu entfalten, einzusetzen, sich daran zu erfreuen. Stellt euch ein Bild vor: wir sind alle eine große Familie, verbringen gemeinsam Zeit. Wir haben ein großes Fest geplant. Alle freuen sich, alle bringen etwas mit, der eine deckt den Tisch, drei stehen in der Küche und kochen, einer ist mit den Kindern Holz suchen für das große Feuer, dort sitzen welche, und quatschen miteinander, da sieht man welche gemeinsam spielen. Es ist Leben in der Bude, es brodelt, es treibt die Glückshormone hoch, und das Adrenalin, man will bewegen, dabei sein, teilhaben, dazugehören. Und dann sieht man irgendwo in der Ecke zwei drei sitzen, allein, mit mürrischen Gesichtern. Sie stehen auf, und ziehen ihre Jacken an. Auf die Frage hin, warum sie gehen, sagen sie, ihnen wäre langweilig. Jemand hätte daran gedacht, die Kinder zu beschäftigen, aber für sie hätte man nichts vorbereitet. Nee, sie würden jetzt gehen. Und sie sind nicht einfach Fremde, nein, sie sind auch ein Teil der Familie. Ohne sie ist die Familie nicht mehr vollständig. Ohne sie fehlt was. Ohne sie ist es den anderen auch nicht mehr schön. So fühlt sich das hier ein wenig an. Das muss und darf so nicht bleiben. Darum würde ich gern versuchen, über das Bibelstudium auch die Erwachsenen einzubinden, jeder soll die Gelegenheit haben, beizutragen. Alle sollen sich verantwortlich fühlen, anderen zu dienen. Wie bringt man all die unterschiedlichen Charaktere zusammen? Wie fördert man einen jeden, einzeln, in Gruppen, gemeinsam? Wie schafft man es, dass nach einem halben Jahr, spätestens - eigentlich will ich mich schon nach drei Monaten überflüssig fühlen, dass "der Laden von selbst läuft"?
Ehrlich gesagt, die Aufgabe erscheint mir wie ein Riesenberg, der nicht zu bewältigen ist. Auf der anderen Seite weiß ich dass Jesus selbst seine Gemeinde baut, er persönlich für sie einsteht. Und er befähigt. Er gibt Weisheit. Er bereitet die Herzen vor. Er treibt an. Darum vertraue ich auf ihn, und gehe Schritt für Schritt.
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