In der Präsenzphase meiner Ausbildung, also dieses Jahr im Mai, lernte ich S. kennen. Wir unterhielten uns viel, über unseren Glauben, über unsere Erfahrungen und Kämpfe, über unsere Ansichten und Meinungen. Er erzählte mir, wie er nach Ganchauskas in Lettland gekommen ist, wie Gott ihn dorthin gestellt hat. Er erzählte mir von den Menschen dort, und von seinen Erfahrungen mit ihnen. Dies alles hat in mir den Wunsch geweckt, S. und seine Familie, die später nachkam und die ich treffen durfte, zu besuchen und mir das Projekt anzusehen, die Leute kennenzulernen. Nach einiger Zeit bot sich die Möglichkeit tatsächlich, dort bei einer sogenannten Deutsch-Freizeit (lettische Kinder haben die Möglichkeit, im Rahmen einer christlichen Freizeit Deutsch zu lernen) auszuhelfen. Begeistert buchte ich meine Tickets und freute mich riesig. Die Wochen vergingen, meine Mom erzählte mir noch einmal die Story, wie sie und mein Dad sich in Lettland kennenlernten, vor 35 Jahren, und ich freute mich noch mehr, quasi zu meinen eigenen Wurzeln zurückzukehren.
Als ich endlich im Flugzeug saß, ging es irgendwie nicht weiter. Die Stewardessen zählten uns Passagiere unzählige Male von hinten nach vorn und von vorn nach hinten durch, anscheinend war irgendwas verkehrt. Es stellte sich heraus, dass ein Passagier sein Gepäck aufgegeben hat, aber persönlich fehlte. Mir schwirrten sofort die wildesten Phantasien von Flugzeugabstürzen im Hirn herum. Ich prüfte mich selbst, würde ich mit diesen Vorahnungen im Flieger bleiben? Ja, ich wollte! Wenn so etwas passieren würde, wäre ich noch heute bei Jesus! Ich began zu beten, und Jesus für mein Leben zu danken, das er mir bis dahin geschenkt hatte. Dann fiel mein Blick auf die mich umgebenden Passagiere. Würden die alle mit mir im Himmel sein? Wahrscheinlich nicht. Aber ich war da, ich hätte ihnen von Jesus erzählen können. Doch ich habe mich geschämt, ich wollte sie mit der besten Botschaft der Welt nicht belästigen, nicht ausm Flieger rausgeworfen werden. Ich schäme mich für meine Scham, von Jesus zu zeugen.
In Riga gelandet, wurde ich abgeholt, und wir fuhren noch einige Dinge einkaufen, sowie zum McDonald. Das Wetter war toll, und nach einer nur 1,5 h dauernden Nacht wurde ich langsam müde. Irgendwann ging es Richtung Sigulda, und dann abseits von guten Straßen über Schotterpisten mitten in den Gauja-Nationalpark. Die Natur ist einfach herrlich! Weit und breit nichts als Bäume und Felder, der Fluss und die laute Stille der Natur. Ich erinnerte mich an die Erzählungen eines Studienkolleges, der bereits vor mir in Ganchauskas gewesen ist. Bald würde ich da sein. Und tatsächlich, so mir nichts dir nichts tat sich nach einer Stunde Fahrt ein Riesen-Gelände auf, mit Häusern und Spielplatz, Zelt und Kletterturm. Wir waren endlich da! Ich wurde ausgeladen, und bekam ein Zimmer zugewiesen, das ich mit zwei anderen Mädels teilen würde.
Ich traf S.' Frau, und sie führte mich ins Gelände, wo wir dann ihren Mann trafen. Es war ein schönes Wiedersehen, und sofort waren wir wieder stundenlang ins Gespräch vertieft, so als ob wir uns schon seit Ewigkeiten kennten. Dann kam ein Freund von S. des Weges, und ich wurde R. vorgestellt. R. wollte ich kennenlernen, seit S. mir von ihm und seinem Leben aus Gott erzählt hat. Jetzt hatte ich eine Person zu der Geschichte. Ich war sehr gespannt, was ich in dieser Zeit in Lettland lernen würde. Dann wurde zum Essen gerufen, aber ich hatte noch keinen Hunger, also unterhielten wir uns weiter. Irgendwann zwischendurch wurden die Kinder abgeholt, denn eine Freizeit war zum Ende gekommen. Danach sollte ein Mitarbeiter-Meeting durchgeführt werden, und ich bekam die Aufgabe, die Küche auf Vordermann zu bringen. Als wir damit fertig waren, haben wir noch geholfen, die Kinderräume zu reinigen. Ich bekam einen Einblick in die riesigen Dimensionen dieses Hauses, denn von innen wirkt es ungleich größer und weitläufiger als von außen. Abends wurde dann ein Abendessen serviert, und irgendwann ging ich ins Bett, nachdem ich meine Zimmernachbarinnen mehr oder weniger von den anderen auf dem Gelände herumschwirrenden Menschen zu unterscheiden gelernt hab :)
Am nächsten Morgen gab es Frühstück, und die meisten Leute brachen auf zu einem Paintball-Ausflug. R., ich und noch wenige andere blieben im Haus. Ich machte eine Runde übers Gelände und schoss die ersten Fotos. Die Natur ist einfach berauschend, diese unendliche Weite des Himmels, diese Ruhe und Vielfalt! Gott ist wirklich ein wunderbarer Schöpfer!
Später am Tag hatte ich die Gelegenheit, R. näher kennenzulernen. Ich erfuhr ein wenig von seiner Geschichte, und er erzählte mir von seinen Erfahrungen mit Gott. Er ist wirklich ein besonderer Mensch! Ich bin ein wenig "neidisch" - wenn man das so ausdrücken darf, auf seine intensive Beziehung mit Gott, ungeachtet aller Grenzen. Da ich in den letzten Wochen vordergründig systematisch und raitonal ausgebildet wurde, fehlte mir ein wenig die spirituelle Komponente, die ich durch R. bekam, das erkenne ich rückblickend, und bin Gott dankbar, dass er mich in diese Wildnis führte, um mehr von Ihm zu sehen. So verging der zweite Tag. Am Sonntag haben wir den Gottesdienst in Vangazhi besucht, und heute erzählte mir meine Mutter, dass sie höchstwahrscheinlich diese Gemeinde von früher kennt. Es ist wirklich back to the roots, unglaublich!
Am Sonntag nachmittag kamen die Kinder für die nächsten beiden Freizeiten an, und wurden von uns begrüßt. Weil ich mich sehr dafür interessiere, wie man Dinge an anderen Orten macht, und weil ich bisher noch bei keiner einzigen Kinderfreizeit mitmachen konnte, habe ich mir alle Veranstaltungen nach Möglichkeit angetan. So hatte ich die Gelegenheit, die Arbeit der Organisatoren, aber auch der Gruppenleiter zu beobachten, zu übersetzen, oder andersweitig auszuhelfen, und auch als Pferdeführer ein querulierendes Pferdchen mit dem schönen Namen Idea hinter mir her zu zerren. Den Kindern hat es gefallen, meine Klamotten waren dreckig, ich war vollkommen durchgeschwitzt, aber es hat riesig Spaß gemacht :)
Gleichzeitig wurden die Vorbereitungen für die Deutschfreizeit getroffen, wir haben Pläne geschmiedet, Plakate gemalt, Einkaufslisten geschrieben, geskypet und unsere Hirne zermertert. Die Freizeit wollten wir unter das Motto "Typisch Deutsch" stellen, und diesem Thema entsprechend den Deutschunterricht gestalten. Gott sei Dank waren unsere Helfer, die aus Deutschland noch zu kommen gedachten, für den Bibelunterricht bereits vorbereitet. Ich sprach mit den anderen auf dem Gelänge herumspringenden Leuten, was ihre Eindrücke sind, und was sie für gut erachten, was bei den Kindern gut ankam. In der freien Zeit studierte ich weiter meine Bücher über Scham und Schuld.
So kam der nächste Freitag, wo Kinder heimfuhren, die nächste große Putzaktion anstand, und ein Tag Durchatmen. Aus Deutschland kamen unsere langersehnten Mitarbeiter, unser Prediger und unser angehender Pädagoge. Das bedeutete, ab jetzt im Schweinsgalopp alle übrigen Vorbereitungsarbeiten für die Deutschfreizeit erledigen. Wir haben uns ein Motto überlegt, "Typisch Deutsch" sollte es heißen, haben uns bestimmte Themen für jeden Tag vorgenommen, und saßen mit rauchenden Köpfen über unseren Konzepten.
Es mussten die Unterrichte, die Bibelthemen, die Spiele, die Aktivitäten, die Lieder und auch das Essen geplant werden - wir hatten nämlich für "unsere" Kinder einen Snack am Lagerfeuer im Sinn. So richtig mit Stockbrot, Wurst und Marchmallows.
Unsere beiden Jungs, M. und P. aus Deutschland kamen angereist, sie mussten in die Pläne integriert und auf den neuesten Stand gebracht werden. M. war für die Bibelarbeiten verantwortlich, und P. sollte mit mir zusammen die Deutschunterrichte durchführen.
Und so kam auch schon der Sonntag, ich konnte die Anspannung kaum noch aushalten. Wie würde es werden, würde ich Geduld aufbringen, würde alles klappen, würden unsere Vorbereitungen überhaupt fruchten und die Kinder begeistern können, würden wir Unfälle haben, ich wußte nicht mehr wo mir der Kopf stand. So beschloss ich, das alles Gott zu überlassen und nicht mehr selbst zu tun, sondern mich gebrauchen zu lassen. Es sind seine Kinder, seine Schäfchen, er weiß um ihre Sorgen, Charaktere und Bedürfnisse, er weiß was passieren wird und hat alles unter Kontrolle. So lebt es sich viel entspannter :)
So wurde es unversehens Zeit für die Kinder, anzureisen und bald waren sie auch schon da :) Mit wehender Deutschlandflagge wurden sie begrüßt, in die Gruppen eingeteilt, und konnten ihre Gruppenräume beziehen und auspacken.
Auf dem großen Feld vor dem Haus fand danach ein Begrüßungsspiel statt, damit wir alle uns gegenseitig ein wenig kennenlernen. Die Regeln wurden erklärt, sowie unser "Deutschland" - wir haben nämlich alle wichtigen Orte in Ganchauskas mit deutschen Namen benannt.
Nach dem Abendessen gab es ein "großes Spiel", das Flaschenspiel. Es ist eine Art Rote-Fahne-Spiel, nur mit Wasserflaschen. Günstigerweise war das Wetter sehr heiß, und so kam ich nicht nach, die Wasserflaschen zu füllen. Sie waren zum einen Beute, die ins eigene Feld gebracht werden musste, und zum anderen Waffe zur Verteidigung gegen die gegnerischen Spieler - ihr ahnt schon, es war eine sehr nasse Angelegenheit :)
Für das Lagerfeuer sollten die Gruppen sich einen Namen ausdenken, sowie ein entsprechendes kleines Theaterstück aufführen. Es gab den ersten Quiz, gemeinsame Lieder in deutsch, russisch und lettisch und eine große Menge Spaß. Zur Krönung des Tages bereitete unsere Küche uns aus 5 Kilo Mehl einen ganzen Bottich Stockbrotteig zu - und er ging komplett weg!!! Mit etwa 30 Mann haben wir ihn komplett verputzt :)
Am nächsten Morgen startete der Tag für uns Mitarbeiter mit einer Andacht, wo die ersten Eindrücke ausgetauscht, und gemeinsam für den Tag gebetet wurde. Danach gab es Sport für alle, und dann das leckere Frühstück. Nach dem Frühstück haben die Kinder in den Gruppen Andachten durchgeführt und sich so auf den Bibelunterricht vorbereitet. Danach gab es den ersten Deutschunterricht - und wir stellten fest, dass die Kinder von "ganz gut" bis "gar nicht" Deutsch sprachen. Also haben wir die Gruppen aufgeteilt, in "deutsch sprechende" Kinder, in Kleine und Große. Jetzt musste der Unterricht täglich gruppengerecht vorbereitet werden. Ich hatte Gott sei Dank die einfachste Gruppe, dort waren die Kinder, die bereits Deutsch sprachen und auch etwas lernen wollten :) So konnte ich aus dem Vollen schöpfen.
Nach dem Unterricht haben wir ein leckeres Mittagessen gehabt, und danach hatten die Kinder freie Zeit und Zeit zur Vorbereitung der Themen für das Lagerfeuer. Das war nämlich täglich neu, abhängig vom Tagesthema. Nach der freien Zeit konnten die Kinder standen noch verschiedene Aktivitäten und auch der Bibelunterricht auf dem Plan. Dies war uns besonders wichtig, Gottes Liebe zu den Kindern nicht nur zu zeigen, sondern auch davon zu erzählen.
Nach dem Bibelunterricht gab es wieder Abendessen, ein großes Spiel und dann Lagerfeuer mit dem üblichen Programm und Snack.
Eine Besonderheit hatten wir am dritten und vierten Tag der Freizeit - in einem Zoo in Ligatne, etwa 3 km von uns entfernt, ist eine ausgewachsene Bärendame stiften gegangen, und so mussten alle Aktivitäten nach drinnen verlegt werden, denn niemand sollte sich draussen aufhalten. In der Nacht haben sich die Kinder im Haus eingeschlossen, und hatten wohl auch Angst. Aber so ist das, jeder Tag ist voller Überraschungen. Nach zwei Tagen kam die Bärin selbst in den Zoo zurück, und wir konnten wieder unbeschwert sein.
Eine weitere Besonderheit im Programm war der Talenteabend. Alle hatten die Möglichkeit, etwas vorzubereiten, vorzutragen, vorzuführen, und wurden von einer Juri bewertet - zur Aussicht stand ein Preis. Oh es war einfach toll zu sehen, mit wievielen verschiedenen Talenten Gott jeden bedacht hat. Die einen konnten singen, die anderen tanzen, die dritten Japanisch, besondere Pfeiflaute (ob der mal in Hollywood landet?) und noch andere konnten massieren :) Es war toll, das alles zu sehen, hinter einige coole Fassaden schauen, zu motivieren und sich einfach zu freuen.
Ganz besonders berührt hat mich das Lied von A., welches so gut zu unserem Leben als Christen passt.
В твoем сердце бушует штурм страхов и сомнения
Воззови же ты к Господу, и скажи "меня укрепи"
И даст Он тебе покой и силы подняться на крыльях зари
Расправь крылья и полети
Туда где закончиться выбор пути
Лететь ты будешь на крыльях любви
бездну ада ты перелети
Наша жизнь очень опасна, но созданна не напрасно
Ты довольствуешься грехом, незная что будет потом
Но стоя перед бездной мучения тебя ждут только поражения
ты боишься сделать свой первый шаг, изза страха в твоих глазах
Сделай свой первый шаг, ведь ты в Его руках!
Die Übersetzung lautet:
Du stehst vor dem Abgrund, Abgrund der Versuchung
In deinem Herzen wütet ein Sturm der Ängste und Zweifel
Rufe doch zu Gott, und sage "Festige mich"
Und er gibt dir Frieden und Kraft, um auf den Flügeln der Morgenröte aufzusteigen
Breite deine Flügel aus und fliege
Dorthin, wo alle Wegauswahl zu Ende ist
Du wirst fliegen auf den Flügeln der Morgenröte
Überfliege du die Abgründe der Hölle
Unser Leben ist sehr gefährlich, doch nicht unsonst erschaffen
Du vergnügst dich in Sünde, ohne zu wissen was danach kommt
Doch vor dem Angrund der Leiden erwartet dich nur Versagen
du hast Angst, den ersten Schritt zu tun, wegen der Angst in deinen Augen.
Gehe den ersten Schritt, denn du bist in seinen Händen!
So verging die Freizeit, und die Kinder fuhren wieder heim. Der Abschied war sehr emotional teilweise, viele haben Freundschaft geschlossen. Einige der Kinder sind mir besonders ans Herz gewachsen, und auch die Mitarbeiter. Einige der Kinder konnten sich öffnen, öffnen für Beziehungen, von ihren Verletzungen erzählen. Einige der Kinder wollen Jesus als Freund haben. Einige haben nichts von Gott wissen wollen, und zum Ende der Freizeit konnten sie nicht genug bekommen. Unser Job war, den Samen des Evangeliums auszusähen. Wir beten dafür, dass er aufgehen und Frucht bringen möge. Der Heilige Geist wird ihnen nachgehen, und seine Arbeit tun, das bin ich mich sicher. Gern würde ich nächstes Jahr wiederkommen, und sehen, was daraus geworden ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es oft sehr viele Jahre dauern kann, aber Gott ist geduldig, und er hört nicht auf zu klopfen. So hat er mich erreicht, so hat er andere erreicht, und auch diese Kinder wird er erreichen. Ehre sei ihm dafür!
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