Am 12. Januar 2010 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,0 auf der Richterskala das gebeutelte Land, das schwerste seit 200 Jahren in der Region. Es passierte gegen 17.00 Uhr, als viele Schüler noch im Unterricht saßen, Menschen unterwegs und in den Geschäften waren. Das Beben zerstörte im Umkreis von etwa 100 km um Port-au-Prince die Städte bis zu 95%. Schätzungen zufolge kamen etwa 500.000 Menschen ums Leben, weitere 300.000 wurden verletzt und bis zu 1.200.000 Menschen wurden obdachlos. Zu den bereits vorher vorhandenen etwa 380.000 Waisenkindern kamen über 600.000 weitere hinzu.
Krankenhäuser, die Kathedrale, Ministerien, ein UN-Gebäude, Schulen, Universitätsgebäude, Hotels sind eingestürzt oder schwer beschädigt. Wohnhäuser bis aufs Fundament pulverisiert. Insgesamt wird die Anzahl der zerstörten Gebäude auf über 10.000 geschätzt. Zehntausende Menschen sind verschüttet. In tropischer Hitze verpestet bestialischer Gestank der nicht geborgenen Leichen die unheilschwangere Luft.
Der Präsidentenpalast, einst ein schneeweißer Prachtbau, liegt seit dem Erdbeben in Trümmern. Die Mauern sind eingefallen, die mächtige Kuppel nach unten gesackt. Es ist wohl das symbolprächtigste Bild: Haiti ist zusammengebrochen.
Die ersten Bilder, die die Öffentlichkeit nach den Erdstößen erreichen, machen deutlich, dass die Situation vor Ort verheerend ist. Kinder in Schuluniform, die zitternd vor Schmerzen und starr vor Angst auf dem Boden liegen und auf Hilfe hoffen. Mit einer Flasche Wasser wäscht ein Schulkind einem schwer verletzten Mädchen das Blut aus den Wunden. Es sind erschütternde Bilder. Staatliche Hilfskräfte gibt es nicht.
Auf den Straßen in Port-au-Prince herrscht das blanke Chaos: Straßenverkäufer, die auf den Bürgersteigen Gegrilltes verkauften, liegen schreiend auf dem Boden. Ihre Haut ist von den umgestürzten Grillständen verbrannt. Sie sind während der Erdstöße auf den Boden gefallen, ehe die glühendheißen Stände auf ihre Körper stürzten. Umher irrende Menschen, die auf der Suche nach dem eigenen Haus und den darunter verschütteten Familienangehörigen sind. Von überall her dringen Schreie, doch mit jeder Stunde werden die Rufe schwächer, die Schreie leiser. Die Lebenskräfte schwinden.
In der Hauptstadt selbst und in den Außenbezirken leben rund zwei Millionen Menschen - überwiegend in bitterer Armut. Ihre Hütten oder kleinen Häuser stürzen nach den heftigen Erdstößen wie Streichholzschachteln einfach um. Oder sie verschwinden in dem sich öffnenden Schlund der Erde: Ein ganzer Straßenzug stürzte in eine Schlucht, riss Häuser, Autos und Menschen mit in die Tiefe. Über der Stadt hängt eine riesige Staubwolke, die auch nach einer Nacht voller Schrecken wegen der zahlreichen Nachbeben nicht weiter gezogen ist.
In einer zusammengestürzten Universität versuchen Studenten ihre Kommilitonen aus den unteren Stockwerken zu befreien, sie selbst riskieren dabei Leib und Leben, denn jederzeit können Nachbeben die Trümmer ins Rutschen bringen und die Helfer ihrerseits unter sich begraben. Fast halbstündlich sorgen eben diese neuen Nachbeben für anhaltende Panik und Schrecken unter den Menschen.
Darüber hinaus breiten sich Brände in der ganzen Stadt aus, gerissene Gasleitungen speisen die Feuer, die schnell zu Feuerwalzen anwachsen. Besonders tragisch ist, dass das ganze Kommunikationsnetz auf der Insel zusammengebrochen ist. Weder die Haitianer können von außen Hilfe anfordern, noch die Menschen aus anderen Staaten ihre Angehörigen erreichen.
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